Spielregeln
oder auch
"Mensch, ärgere dich nicht"



Hier geht es um folgende Themen:

- in welchen Stufen lernt/versteht der Hund, was man von ihm will
- wo sind mögliche Fehlerquellen
- wie umgehe ich diese bzw. wie kann ich sie wieder beheben

Ich habe im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass im Wesentlichen die Hunde gleich lernen und ähnliche "Denkfehler" machen, die mit dem Aufbau des Trainings zu tun haben. Diese "Denkfehler" rühren daher, dass man dem Hund nicht auf sprachlichem Wege mitteilen kann, was man von ihm möchte. Der Hund versucht zu erkennen, was man von ihm will, aber er schließt nicht immer richtig. Es ist quasi so, als versuche man mit dem Hund "Mensch, ärgere dich nicht" zu spielen, könnte aber nicht vorher mit ihm die Spielregeln besprechen. Vieles lernt der Hund einfach aus Versuch und Irrtum, weil wir im Wesentlichen keine andere Möglichkeit der Verständigung haben.
Dieses Kapitel stellt die These auf, dass die meisten "Fehler" des Hundes auf die Ausbildung zurückzuführen sind. Es ist der Versuch zu verstehen, woher diese Fehler kommen und wie man sie vermeiden bzw. wieder korrigieren kann.

Spielregel 1: wenn ich
einer laufenden Person hinterher renne, bekomme ich eine Belohnung.
Häufig wird der Hund die ersten Male auf der Trail angereizt, d. h. der Runner zeigt dem Hund eine Bestätigung und entfernt sich dann unterschiedlich schnell vom Hund. Sobald der Runner seinen Platz gefunden hat, lässt der Hundeführer zu, dass der Hund die Verfolgung aufnimmt. Der Hund versteht diese Spielregel meistens sehr schnell, besonders weil ihm das Verfolgen von "fliehender Beute" genetisch entgegenkommt. Am Anfang der Ausbildung hat man deshalb gelegentlich das Problem, dass der Hund - auch außerhalb des Trainings - laufende bzw. joggende Personen verfolgt, weil man ja dieses Verhalten im Training mehrmals bestätigt hat. Je nach Gehorsam des Hundes läßt sich dieses Verhalten jedoch relativ schnell unter Kontrolle bringen.

Spielregel 2: wenn ich die laufende Person nicht mehr sehen kann, muss ich meine Nase einsetzen.
Im Regelfall geht man bei der Ausbildung relativ schnell dazu über, den Runner am Ende der Trail außer Sicht zu plazieren. Hunde rechnen meistens zunächst damit, dass der Runner direkt hinter der Abbiegung sitzt, wo sie ihn aus den Augen verloren haben. Nicht selten sind sie offensichtlich irritiert, wenn das nicht der Fall ist. Aber es bereitet gewöhnlich wenig Probleme, sie dazu zu bewegen, den restlichen Weg mit ihrer Nase zu verfolgen.

Spielregel 3: ich muss Dirk, Gabi, Petra, Reiner, Ulli oder Moni (für diese Namen kann man beliebige andere Namen der eigenen Trailergruppe nehmen) suchen.
In der Regel übt man beim Mantrailing - besonders am Anfang - immer mit einer relativ kleinen Gruppe von Personen zusammen (etwa 2 - 10), die der Hund alle kennt. Hunde haben relativ schnell verstanden, dass immer einer dieser Gruppe "verloren gegangen" ist und es nun gilt, diese eine verlorene Person zu finden. Um zu bestimmen, welche Person gesucht werden soll, bedienen sie sich zweier Methoden: erstens, sie filtern automatisch die Personen aus, welche am Start anwesend sind und zweitens orientieren sie sich nach der frischesten Trail, die vom Abgangspunkt aus beginnt. Dieser Irrtum des Hundes fällt meistens erst auf, wenn man mal mit anderen Personen zusammen trailt. Da sucht der Hund dann entweder gar nicht ("hier ist ja keine meiner sonstigen Versteckpersonen"/"das Spiel kenne ich nicht") oder er wechselt auf eine Trail einer von ihm bekannten Person über ("so ein Glück, hier ist etwas Vertrautes!"). Daher ist es wichtig mit möglichst vielen verschiedenen Personen, die dem Hund auch möglichst nicht bekannt sein sollen, zu trailen.
Wenn man keinen Zugriff auf eine große Gruppe wechselnder Runner hat, so sollte man zumindest so früh wie möglich damit beginnen, den Hund durch Splittings für den Geruchsartikel zu sensibilisieren.

Spielregel 4: bevor ich anfangen kann zu suchen, muss ich meine Nase in eine Tüte stecken bzw. als Startsignal zum Suchen schwenkt mein Hundeführer mit einem (weißen) Tuch vor meiner Nase herum.

Ich habe diese Spielregel bewusst so formuliert, wie die Hunde sie (meiner Meinung nach) empfinden. Sie haben zwar kapiert, dass man von ihnen erwartet, dass der Geruchsgegenstand Teil des Anfangsrituals ist, die eigentliche Bedeutung - nämlich, dass der Geruch der Indikator ist, wen sie zu suchen haben - ist ihnen nicht klar. Wieso das kommt, habe ich schon unter Spielregel 3 erklärt. Die Tatsache, dass der Hund weiß, dass er am Geruchsartikel riechen soll, heißt noch lange nicht, dass er weiß, warum.

Spielregel 5: ich muss immer die frischeste (menschliche) Trail verfolgen.
Diese Spielregel hängt damit zusammen, dass man Anfangs immer mit frischen Trails arbeitet, insbesondere dann, wenn man den Hund anreizt. Auch wenn der Hund schon länger trailt, so arbeitet man aus organisatorischen Gründen prozentual gesehen häufiger mit frischen Trails, weil es einfacher zu organisieren ist. Außerdem entspricht diese Regel auch dem genetischen Programm des Hundes. Wenn ein Wolf die Auswahl zwischen einer frischen Spur eines Rehs oder einer älteren hat, würde er sich sinnvoller Weise (sofern es kein anderes Kriterium gibt) für die frischere entscheiden. Das Individuum spielt in solch einem Fall eine sehr geringe Rolle; Reh ist Reh.
Ob der Hund diese Spielregel erkannt hat, erkennt man spätestens dann, wenn man versucht die Trails altern zu lassen. Sobald die Trails einige Zeit liegen, bevor man sie arbeitet und andere Personen von der gleichen Stelle (möglichst noch in die gleiche Richtung) abgegangen sind, entscheiden sich viele Hunde für die frischeste, statt für die, die ihnen anhand des Geruchsartikels präsentiert werden. Dies ist unso wahrscheinlicher, wenn es sich um den Geruchsartikel einer Fremdperson handelt.
Eine Übung, die man schon relativ früh machen kann, um dem Hund klarzumachen, was man will, ist, dass man eine frische Trail etwas altern lässt (ca. 5 Minuten) und dann eine weitere frischere Trail einer anderen Person an der gleichen Stelle anfangen lässt, diese aber schon gleich in eine deutlich andere Richtung geht. Man lässt den Hund auf keinen Fall die frische Trail verfolgen, sondern diejenige, die zum Geruchsartikel passt. Zu dieser Übung kann man natürlich noch endlose Varianten erfinden (Zeitabstand erhönen, Anzahl der verschiedenen Trails erhöhen...).

Spielregel 6: ich muss die Trail verfolgen, die zum präsentierten Geruchsartikel passt.
Jetzt sind wir in der Ausbildung schon ziemlich weit. Der Hund achtet auf den Geruchsartikel und verfolgt die dazu passende Trail. Trotzdem sind wir noch nicht am Ziel der Ausbildung, denn ...

Spielregel 7: ich muss solange die Trail verfolgen, bis ich jemanden treffe, den ich kenne; den muss ich anzeigen.
Für den Hund ist es nicht automatisch logisch, dass das Verfolgen der (durchaus richtigen) Trail auch beinhaltet, dass nur die Person anzuzeigen ist, die zur Trail bzw. zum Geruchsartikel passt. Andere Kriterien sind für ihn da viel einleuchtender: an erster Stelle sind hier Personen zu nennen, die der Hund kennt. Sonst ist er von ihnen ja auch bestätigt worden, also lohnt es sich für ihn in jedem Falle, mal anzuzeigen.
Diesen Fehler beseitigt man am besten, in dem man gezielt bekannte Personen auf die Trail stellt. Anfangs nur eine, die z.B. entgegenkommt, also nicht einem der gängigen Opferverhaltensmuster entspricht, später mehrere an verschiedenen Stellen der Trail. Ich möchte aber davor warnen, dass man hier nicht des Guten zuviel tut, und dem Hund beibringt, dass bestimmte Personen bzw. bestimmte Verhaltensweisen gar nicht angezeigt werden sollen.

Spielregel 8: ich muss solange die Trail verfolgen, bis ich jemanden treffe, der hockt, sitzt oder einem sonstigen Opferverhalten entspricht; den zeige ich an.
Wen der Hund anzeigt, ist meiner Erfahrung nach in erster Linie von optischen Reizen abhängig und nur in zweiter Linie von geruchlichen. Einerseits haben Hunde schnell erfasst, wie eine Person sich verhält, bei der es sich lohnt anzuzeigen. Gängige Verhaltensmuster sind: hocken, liegen, sitzen, stehen - meistens sind es einzelne Personen, die sonst nichts weiter tun. Oft gehört zum verhaltens-auslösenden Reiz noch eine schicke Warnweste. ;-)) Da reichen schon Kleinigkeiten, dass der Hund den richtigen Runner nicht anzeigt (z.B. wenn die Person raucht, sich unterhält oder ein Buch liest) bzw. wenn eine Person z. B. auf einer Bank sitzt, ist es relativ wahrscheinlich, dass der Hund sie anzeigt (=Erwartungshaltung).
Andererseits spielt die Körpersprache - wie bereits an anderer Stelle ausgeführt - eine wichtige Rolle, die entscheidend beeinflusst, wen der Hund anzeigt.
Man sollte also den Hund frühzeitig daran gewöhnen, dass die vermisste Person nicht einem bestimmten, sondern einer Vielzahl von verschiedenen Verhaltensweisen entsprechen kann.

Spielregel 9: es geht am Anfang der Trail immer geradeaus.
Viele Hunde spurten am Anfang der Trail aufs gerade wohl geradeaus, unabhängig wo die Trail entlang geht oder ob überhaupt eine da ist. Das hängt mit dem Aufbau des Trainings zusammen, wo es häufig sehr lange Zeit geradeaus geht (hinter dem Runner her) und der Hund in der Regel auch in Laufrichtung angesetzt wird. Diesen Denkfehler hat man relativ schnell behoben, wenn man ihn öfter im 90° Winkel an die Trail führt, ihn auch mal entgegen der Laufrichtung ansetzt oder auch in gewissem Abstand zur Trail. Wenn der Hund gewöhnt ist, dass er gleich von anfang an "mit Gehirn" suchen muss, so ist der nächste Schritt nicht so schwierig.

Spielregel 10: ich muss solange die Trail verfolgen, die zum Geruchsartikel passt, bis ich die Person finde, die zur Trail gehört; die zeige ich dann an.

Jetzt sind wir mit der Ausbildung schon fast fertig, wenn da nicht das Negativ wäre ...

Spielregel 11: wenn die Trail nicht in unmittelbarer Nähe ist, muss ich den Anfang erst suchen.
Wenn man den Anfang möglichst abwechslungsreich gestaltet , so weiß der Hund, dass er mitdenken muss. Er baut die Erwartungshaltung auf, dass es seine Aufgabe ist, sich um den Beginn der Trail zu kümmern. Das ist gut, kann aber auch dafür sorgen, dass es dem Hund schwerer fällt sich an seinen Hundeführer zu wenden, wenn mal kein passender Geruch an der Ansatzstelle ist.

Spielregel 12: es gibt immer eine passende Trail in der Nähe von der Stelle, wo ich angesetzt werde.
   
Wie gesagt, der Hund hat gelernt, dass immer eine passende Trail an der Ansatzstelle ist, und dass er sich ggf. darum bemühen muss., eine zu finden, wenn er den Geruch nicht gleich riecht. Der Hund wird also zunächst irritiert sein, wenn man ihm einen Geruch gibt, der nicht in der Umgebung zu finden ist. Er wird sich unter Umständen nicht viel anders verhalten als sonst, sondern bemüht sein, doch eine Trail zu finden. Ich habe schon mehrfach beobachtet, wie Hunde dann einfach eine andere Trail aufnehmen, immerhin haben sie Regeln 11 und 12 gut verstanden. Ein anderes Verhalten ist das "verlegene" Schnüffeln, das Hund als Calming Signal benutzen, wenn sie ratlos sind bzw. mit einer Situation nicht umgehen können.
Eine mögliche Lösung wäre, den negativen Geruchsartikel früher einzuführen. Davon rate ich aber ab. Man sollte relativ sicher sein, dass der Hund den Geruchsartikel "verstanden" hat (Spielregeln 1 - 11), bevor man mit negativen Geruchsartikeln arbeitet, weil man sonst viel schwerer erkennen kann, woran es liegt, wenn der Hund nicht so reagiert wie erwartet/gewünscht.

Spielregel 13: Wenn ich den passenden Geruch zum Geruchsartikel nicht finde, zeige ich es meinem Hundeführer deutlich an.

Spielregel 14: Jede Trail führt zum Erfolg.

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